Ärzte und der Tod

Er kann nicht akzeptieren, dass der Mensch am Ende seines Lebens stirbt.

Ein großes Problem unseres überteuerten Gesundheitssystems ist, dass die heutigen Ärzte den Tod eines Menschen nicht mehr akzeptieren können. Auch aussichtslose Fälle werden therapiert und oft noch Tage, Wochen, Monate oder sogar Jahre künstlich am Leben erhalten. Maschinen übernehmen die Arbeit der nicht mehr lebensfähigen inneren Organe. Der Körper „lebt“ weiter, obwohl die Lebenszeit des Menschen, der in diesem Körper steckt, längst abgelaufen ist.

Zwei Ereignisse gehören zwingend zum menschlichen Leben: Die Geburt und der Tod. Früher wurde dies ganz selbstverständlich akzeptiert. Heute in der sogenannten modernen Medizin wird das nicht mehr so gesehen. Das Leben muss um jeden Preis erhalten werden.

Man muss stets eine Patientenverfügung bei sich tragen, wenn man diese „lebensverlängernden“ Maßnahmen ablehnt und selbst dann kann es passieren, dass man immer wieder reanimiert wird.

Ein befreundeter Arzt hat dies einmal so erzählt:

Eine Patientin, schon sehr betagt, ist an unheilbaren Krebs erkrankt. Die Metastasen haben sich bereits im ganzen Körper verteilt und nahezu alle inneren Organe angegriffen. Ihr Leben ist zur Qual geworden. Sie hat unerträgliche Schmerzen, die mit immer mehr und stärkeren Opiaten gelindert werden. Ihr Hausarzt besucht sie aus alter Anhänglichkeit ab und zu im Krankenhaus. Sie fleht ihn an, dass man keine Wiederbelebungsmaßnahmen mehr durchführt, was bereits zwei oder dreimal gemacht wurde, als die angeschlossenen Maschinen Alarm auslösten. Der Hausarzt bespricht dies mit dem behandelnden Arzt und beide schreiben quer mit rotem Stift auf die Krankenakte: „Keine Reanimation auf Wunsch der Patientin“ und unterschreiben dies. Auch die Schwestern und Pfleger werden informiert. Einige Tage später bricht die Frau nach einem Toilettengang auf dem Flur zusammen. Die Stationsschwester eilt herbei und beginnt sofort mit der Wiederbelebung, unterstützt auch von einem herbeigeeilten Arzt. Sie überlebt und wird wieder an die Maschinen angeschlossen, trotz des unübersehbaren Vermerks in der Patientenakte.

Der Hausarzt ist entsetzt, als er davon erfährt, und fragt die Schwester, warum sie gegen den Willen der Patientin gehandelt hat. Ihre Antwort ist eindeutig:

„Aber Herr Doktor! Ich kann die Frau doch nicht einfach sterben lassen!“

Als der Hausarzt dagegenhält, dass sie damit nur die Leiden verlängert und zudem noch gegen den ausdrücklichen Wunsch der Patientin gehandelt hat, weint sie.

Ich verurteile die Schwester nicht. Sie kann nichts dafür. Man hat ihr eingebläut, das Leben eines jeden Patienten immer und jederzeit und unter allen Umständen zu „retten“. Sie konnte nicht anders.

Aber traurig ist es schon, oder?

Um es klar zusagen. Ich bin kein Feind der modernen Intensivmedizin, wenn damit versucht wird, ein Leben zu retten. Aber die Medizin muss lernen, dass am Ende eines Lebens der Tod steht und man den zwar verzögern, aber niemals aufhalten kann. Es ergibt keinen Sinn, Leben, und damit auch Leiden, zu verlängern, wenn es keine Heilungsaussichten mehr gibt.

Mit lieben Grüßen aus meiner Wahlheimat Spanien
Ihr Rainer Andreas Seemann

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