Tag der deutschen Einheit

Innerdeutsche Grenze bis 1990

Ich weiß immer noch nicht so recht, ob der Tag der deutschen Einheit wirklich ein Tag der Freude ist.

Natürlich haben wir uns alle gefreut, als die Mauer fiel und ein Jahr später die zuvor für unmöglich gehaltene Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten wahr wurde. Dass wir damit auch unsere ehemaligen Ostgebiete aufgeben mussten, ging im Jubel unter.

Die Ernüchterung folgte aber schon bald. Die DDR war marode, heruntergekommen und als Industriestandort nicht mehr lebensfähig. Die Fabriken waren mehr oder weniger Schrott. Ich weiß noch, wie einige meiner ehemaligen Kollegen eines großen Elektrokonzerns ernüchtert zurückkamen und so in etwa alle das gleiche sagten:

„Da hilft nur noch eines: Platt machen und komplett neu aufbauen!“

Und so geschah es dann auch. Man führte den Solidaritätszuschlag ein und Jahr für Jahr flossen 100 Milliarden DM, die im Westen verdient wurden, in den Osten.

Aber nicht nur die Industrie, auch die Straßen, die Häuser, die Denkmäler und überhaupt alles war marode. Ich selbst musste dann auch im Auftrag meiner Firma in den Osten, nach Dresden. Ich erinnere mich als ich das erste Mal in die Dresdner „Neustadt“ kam an Ruinen über Ruinen, Häuser, deren Eingänge und Fenster zugemauert waren, Straßen, die man kaum noch als solche bezeichnen konnten und … und … und …

Die Frauenkirche, das Taschenbergpalais und noch so viele andere historische Gebäude waren auch 40 Jahre nach Kriegsende immer noch Ruinen.

Aber auch die Menschen, die 40 Jahre lang im Sozialismus gelebt hatten, mussten erst einmal lernen mit dem Kapitalismus zurrechtzukommen, was sehr, sehr schwer war.

Wir hatten in Dresden einen Auftrag für die Elektroinstallation in einem großen Bauvorhaben. Ein Kollege aus der ehemaligen DDR konnte es nicht fassen, dass wir nur vier Leute in der Bauleitung waren. Ein Ingenieur, zwei Obermonteure und ein Kaufmann. Er meinte lakonisch:

„In der DDR wären da wohl mindestens 20 – 25 Leute notwendig gewesen!“

Zur Ehrenrettung dieses Kollegen muss ich sagen, dass er sehr schnell gelernt hat und seine Aufgaben schnell und zuverlässig erledigte. Aber damit war er eine Ausnahme. Die meisten seiner Kollegen wirkten hilflos und vollkommen überfordert. Wenn ein Sachse den Satz gebrauchte „Nu aber los!“ bedeutete das, dass erst mal gar nichts passierte und alle abwarteten bis irgendwer kam und erst mal lange Besprechungen abhielt, wer denn nun was und wie zu tun hatte.

Das war eine Seite der Wiedervereinigung. Eine zweite, viel schlimmere, zeigte sich erst Jahre später. Die alten Seilschaften der Stasi funktionierten nahtlos weiter und die westlichen Politiker fanden das System der lückenlosen Bespitzelung der Bevölkerung ganz interessant und nach und nach wurde es in Salamitaktik übernommen.

Heute gibt es bereits wieder -zig Meldestellen, in denen Denunzianten alles mögliche melden können. Das Denunziantentum, das in der DDR und auch während der NAZI-Zeit an der Tagesordnung war, feiert fröhliche Urständ.

Das bringt mich zu der Frage, wie eigentlich die Wiedervereinigung abgelaufen ist.

Wurde die DDR in die BRD eingegliedert oder war es aus heutiger Sicht nicht in Teilen eher umgekehrt?

Darüber nachzudenken lohnt sich!

Mit lieben Grüßen aus meiner Wahlheimat Spanien
Ihr Rainer Andreas Seemann

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